
[…] erinnert wird dabei an Richard Berger, den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, wohnhaft in der Anichstraße 13, der [Schlagen Sie das nach!],
an Richard Graubart, wohnhaft Gänsbacherstraße 5, welcher [Schlagen Sie das nach!],
an Wilhelm Bauer […]
– Unsichtbares Innsbruck: Die jiddische Versprengung
Ein Führer zum unsichtbaren Innsbruck. Ein Widerspruch? – Ein Führer zu dem Innsbruck, das nicht gern gesehen wird, das nicht in das gängige Bild der Weltstadt Innsbruck hineinpasst, nicht das Herz der Alpen in seiner Glanzpostkartenpracht abbildet, dennoch aber ins Herz trifft – nimmt man von diesem Buch ausgehende Impulse an und auf, lässt man sich auf diesen literarischen Stadtführer ein.
Literatur ist u. a. sprachliche Formung der Wirklichkeit, Literatur impliziert die Möglichkeit der Interpretation. Ein Führer – oder vielmehr ein Antiführer: ein intellektuelles Buch – eine ebensolche Herausforderung. Ein Widerspruch zu gängigen Stadtführern, ein zum Widerspruch reizendes Buch, ein auf Widersprüchliches hinweisendes Buch, wovon es in Innsbruck – auch wenn es in offiziellen Reden anders dargestellt wird – genug gibt. Ein Augenöffner, weil es auf Orte hinweist, vor denen die Augen meist verschlossen werden.
Fünf Pfade werden – paradigmatisch – durch dieses nicht gerne wahrgenommene Innsbruck gelegt: „Die olympische Tour” erkundet das O-Dorf mit seiner Spannung zwischen Moderne (aus der Sicht der 60er- und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts) und Konservativismus, exemplifiziert an der Kirche zum hl. Papst Pius X. und Aussagen Pierre de Coubertins, des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, die wohl bei keiner offiziellen Eröffnungsfeier mehr zitiert werden werden. „Der Pfad der Erkenntnis” führt durch die Höttinger Gasse und zu den dort beheimateten Religionsgemeinschaften. Zur Vorstellung derselben wird direkt oder indirekt aus entsprechenden Publikationen – „Selbstzeugnissen” – zitiert; das schafft Distanz, ein Blatt zum persönlichen „Selbstzeugnis” hebt dieselbe wieder auf (bzw. lässt sie erst recht deutlich erscheinen) und dient der Selbsterkenntnis des Lesers. Die Stationen zur „Jiddischen Versprengung” sind in keine geschlossene Tour eingebunden. Sie liegen verstreut im ganzen Stadtgebiet wie auch einst die jüdischen Mitbürger integrativer (wenn auch nicht immer integrierter) Bestandteil der Stadtbevölkerung waren. Die persönlich gehaltenen (Text-)Impulse in Form eines fiktiven Briefes dazu sind in jiddischer Sprache samt deutscher Übersetzung abgefasst und enden am jüdischen Teil des Westfriedhofs, der zugleich so etwas wie einen Rahmen zum Buch gibt: Er – bzw. konkret das künstlerisch schön gestaltete Grabmal des bedeutenden Innsbrucker Gemeinderates Dannhauser – liefert das Motiv für den Umschlag, er ist erste Station der letzen mit „Abreise und Ankunft” überschriebenen Innsbruck Tour, die zu den Friedhöfen der Stadt führt. Wobei in diesem Kapitel – wie bereits im vorhergehenden vierten „Der gemeinsame Weg” – der literarisch/poetische Aspekt dieses Buches am meisten zum Tragen kommt.
Nicht Fakten hält das durchdacht grafisch gestaltete Buch bereit, sondern Fragen: Fragen an den Leser, an die Gesellschaft, an die Stadt. Innsbruck ist mehr als die Herzog-Friedrich-Straße, wenngleich auch die kein unproblematischer Ort ist, wie man den wenigen Notizen auf den Seiten 70/71 entnehmen kann. – Es ist ein ungewöhnlicher „Führer”, zugleich aber ein bemerkenswertes Buch!
Ursprünglich veröffentlicht in Ausgabe 4/2005 der Tiroler Heimatblätter.
Unsichtbares Innsbruck
Staudacher/Moser/Staudacher
In allen Buchhandlungen und bei Amazon
ISBN 3-200-00404-5
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