
leer gefegt zu Tode geritten Spätzchen Viehhirt
Bulle oder Hengst?
Jedenfalls auf den Knien.
– M. Foulland, Rodeo
Wären diese hochliterarischen Skizzen in einen Spielfilm gegossen worden, wäre er von Chabrol; hätte ihn ein Pointillist in seine Farben- und Zeichenwelt verseelt, hieße sein Schöpfer Seurat; würde ihn ein Atonalist transponiert haben, hieße dieser Schönberg. Das ist folgenschwer und so gibt es nur einen gangbaren Weg zum Verständnis für jene so leichtfüßig daherkommenden, gleichwohl schicksalsschwer ausschreitenden „Skizzen vom Aufbegehren und Scheitern”, zumal diese Skizzen eingebettet sind in eine Multimedialität, wie wir sie in der sich in Abstraktionen ersprießenden Fluxuswelt eines Vostells oder der Verschränkung des Dadaismus mit der Wirklichkeit des Entsetzens antreffen.
Wie sieht dieser Weg nun aus? Ebnet er sich von alleine durch rationales Verstehenwollen oder durch irrationales Begreifenkönnen? Nein, die Probabilität, mithin die einzige, die nachhaltig wirkt, bedingt hier zwei Ebenen, die der Leser verinnerlichen muß, um sich einzufinden in einen – liebevoll gemeinten – hermetischen Zirkel von Worten, Klängen und Bildern. Dann wird er empfinden, wie die Tragik des Scheiterns, die Euphorie des mit dem Aufbegehren einhergehenden Radikalismus seelischer Eruptionen, wie ein Hilfeschrei nach Weltsinn, wie ein Beklagen des Non-sinnes, wie all dies sich gleich einer zweiten Haut um den zuhörenden Leser oder den lesender Zuhörer legt, ihn zuerst nur bekleidet, dann bedeckt, um schließlich identitätsverschmelzend in ihn hineinzukriechen. Ihm ergeht es also wie einem, der die Natur betrachtet, von Eichendorff nie etwas hörte, und der doch „nur hinter jenem Hügel dort, wo der Abendschein spielt” um alles in der Welt hinmöchte und voller Emphase ausruft: „Ach hätt' ich, hätt' ich Flügel, zu fliegen da hinein!”
Und so ergeht es den Lesern, die nie von Foulland hörten, die „Bugs” in Verbindung mit Mistkäfern bringen, und denen Deutinger, Dolp, Altmayer und Hofer Namen von Personen sind, die eben nur Personen unter Personen, gleich Schatten vor der untergehenden Sonne, bleiben. Nur ihnen, den unverkrampft Empfindsamen, – andere mögen außen vor bleiben – gilt es, hier Lust aufs Eintauchen in etwas Wunderschönes, schrecklich Schönes, traumhaft Schönes oder einfach nur Sinnenschönes, gleich einer sinfonischen Lautmalerei zu entfachen.
Aber auch das wäre entbehrlich, sogar ganz und gar entbehrlich, läse der begierig gewordene Leser nur jene zwei Sentenzen, in denen alles liegt, was Seele, Verletztheit, Aufgeben und Neubeginn symbolisieren, und verinnerlichte sie, tränke sie wie einen Erlösungstrank. Das ist wahrhaft große Literatur, das ist die große Aussage, wie mit einem Pinselstrich so leicht erscheinend hingehaucht: Ich sitze auf meinen Handflächen, damit ich dich nicht schlagen kann . Und: Lebenslanges Warten auf deine besten Jahre. Damit ist alles gesagt, was zu sagen war.
Es ist jenes organisch gewachsende Erleben, welchem man wehtäte, belegte man es mit dem Terminus experimentelle Literatur. Ist denn die Verletzung der Seele experimentell ausdrückbar? Nein, sie bleibt stets erfahrene Vergangenheit in der gegenwärtigen Zukunft. Und die in sich zu tragen ist unser aller Los. Man kann ihm nicht entkommen. Wohl aber kann der Leser teilhaben als Kommunizierende Röhre – und sich eingestehen, wie sehr er sich doch selbst in diesen Skizzen Foullands begegnet, sich wiederfindet und sein Herz erleichtert. Kurzum: Das ist das Beste, was ihm in dem aus Angst vor Entlarvung seines plakativen Non-sinnes euphemisierten Literaturbetriebes gegenwärtig widerfahren kann!
BUG/HARDCORE: Skizzen vom Aufbegehren …
M. Foulland et al.
In allen Buchhandlungen und bei Amazon
ISBN 978-3-200-00685-0
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